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Das Leben kennt kein Drehbuch

Bus, Restaurant oder See? Die Schülerinnen und Schüler dürfen entscheiden, wo die Szene spielt. „Hauptsache ein belebter Ort, wir stimmen ab“, ruft Nora Staeger in die Runde. Am Ende gewinnt der Bus. Dieses Stichwort genügt der Theaterpädagogin und ihrem Ensemble, um mit der sogenannten Kettenszene loszulegen. Diesen einen Ort bespiele man nacheinander mit verschiedenen Rollen, daher der Name, erklärt Staeger. „Zwei sind auf der Bühne, einer geht ab und der Nächste kommt.“

Drumherum improvisiert das Ensemble eine Geschichte, die schnell Fahrt aufnimmt. Spontaneität und Mut sind anschließend auch bei den Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule am Gluckenstein (GaG) gefragt. Sie dürfen selbst kurze Szenen aus dem Stegreif entwickeln.

Melissa, Ennes, Elif, Maria und Simon trauen sich. „Wir spielen, und wenn wir einen von euch antippen, dann improvisiert ihr einen dazu passenden Satz“, erklärt Staeger. So entsteht eine absurde Geschichte über das Zuspätkommen zur Arbeit, einen Rohrbruch im Elektrizitätswerk und einen Lottogewinn, der sich als große Ladung Kuchen entpuppt.

Witzig geht es mit dem Ensemble des Theaters RequisiT weiter, das an der GaG gastiert. Nora Staeger, Dominic, Manu, Flo, Sascha und Johannes jagen durch verschiedene Genres. Wieder geben die Jugendlichen ein Stichwort vor. „Nennt einfach einen Gegenstand“, lautet die Aufgabe. „Tisch“ und „Kappe“ schallt es aus dem Publikum. Die Kappe gewinnt.

Aus dem Stegreif entstehen Szenen, die es so vorher nie gegeben hat und nicht wieder geben wird. Die Jugendlichen nennen ein Gefühl, einen Ort oder eine Situation, erläutert Staeger. Dann zählen alle: „Fünf, vier, drei, zwei, eins – und los.“

Eine Stunde lang entwickelt das Ensemble immer neue Geschichten und bezieht sein junges Publikum ein. Es wechselt zwischen komischen, ernsten und überraschenden Momenten. Die Schülerinnen und Schüler in der Mensa gehen begeistert mit. „Das war einfach cool“, sagt Musa aus der 8A3. Mitschülerin Emmi beeindruckt vor allem die Spontaneität der Schauspieler. „Alle haben so spontan gespielt.“ Gazel nimmt noch etwas anderes mit: „Die Geschichten waren cool. Die haben dazu motiviert, mutig zu sein und zu seinen Gefühlen zu stehen.“

In den Genuss dieses besonderen Theaterbesuchs kommen alle Schülerinnen und Schüler des Hauptschulzweigs der Jahrgangsstufen acht und neun. „Erst Spaß gehabt, dann nachgedacht“ heißt das Programm. Es verbindet Improvisationstheater mit Präventionsarbeit, berichtet Lehrerin Antje Klaus.

Hinter RequisiT steht ein theaterpädagogisches Konzept, das Suchtprävention auf ungewöhnliche Weise an Schulen bringt. Ermöglicht wurde der Besuch durch die R+V Betriebskrankenkasse. „Unsere Theatergruppe besteht aus ehemals suchtmittelabhängigen Menschen, die seit Jahren clean leben und über ein hohes Maß an Selbstreflexion verfügen“, berichtet Nora Staeger. Die Diplom- und Theaterpädagogin hat das Ensemble vor 30 Jahren aufgebaut.

Das Besondere sei, dass die Jugendlichen nicht nur zuschauten, sondern das Bühnengeschehen mitbestimmten. „Es sind ihre Themen und Impulse, die von den Akteuren unmittelbar aufgegriffen und auf der Bühne in spontane Szenen verwandelt werden“, erklärt Staeger.

Zum Konzept gehört, dass Sucht und Drogen im ersten Teil bewusst keine Rolle spielen. Zunächst gehe es darum, gemeinsam Spaß zu haben und Theater zu erleben. „Wir wollen im ersten Teil Spaß haben und Theater spielen“, sagt Staeger. So entstehe eine vertrauensvolle Atmosphäre, die den zweiten Teil vorbereite.

Nach der Vorstellung geht es mit Dominic, Manu, Flo, Sascha und Johannes in getrennten Gesprächsrunden für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte weiter. Dort stehen Sucht, Abhängigkeit und Prävention im Mittelpunkt. Die Jugendlichen sprechen mit den Ensemblemitgliedern, parallel findet eine eigene Runde für die Lehrkräfte statt.

Die Schülerinnen und Schüler interessiere häufig, „was die schlimmste Droge“ sei oder „was für dich das Schlimmste war“, berichtet Sascha aus dem RequisiT-Team. Auf persönliche Details und drastische Erlebnisse wollen sich die Ensemblemitglieder jedoch nicht konzentrieren. „Wir bleiben allgemeiner, gehen weg von diesem eher voyeuristischen Aspekt bei dieser Thematik“, betont Staeger.

Auf die Frage nach der schlimmsten Droge gebe es keine Rangliste. Entscheidend sei, ob ein Mensch die Kontrolle über seinen Konsum verliere. „Wir antworten auf die erste Frage beispielsweise, dass die schlimmste Droge immer die ist, mit der die Betroffene oder der Betroffene ein Problem hat“, erklärt Staeger.

Ihre Botschaft vermitteln die Mitglieder von RequisiT ohne erhobenen Zeigefinger. Sie wollen Jugendliche stärken, ihnen ihre Fähigkeiten bewusst machen und sie ermutigen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Ebenso wichtig sei es, sich in schwierigen Situationen Unterstützung zu suchen. „Wenn sie da nicht alleine herausfinden, können sie sich immer Hilfe holen“, sagt Staeger.

Über den Besuch des Theaters RequisiT an unserer Schule berichtete Katja Schuricht in dem Artikel „Das Leben kennt kein Drehbuch“ (Taunuszeitung, 10.09.2026, S. 21).